Purasletras25

DER SONNTAG, AN DEM DIE ZEITUNG NACH TINTE ROCH

Abschied von La Chiva

DER SONNTAG, AN DEM DIE ZEITUNG NACH TINTE ROCH

Von Gilberto García Mercado

Im Jahr 1998 erwartete ich die Sonntage so, wie man einen Liebesbrief erwartet. Schon im Morgengrauen begann ich die Stunden, Minuten und sogar Sekunden zu zählen. Ich wachte um vier Uhr morgens auf, als Cartagena noch unter der Stille seiner Straßen schlief, und wusste, dass es noch mehrere Stunden dauern würde, bis die Zeitungsstände ihre Türen öffneten. Doch das Warten machte mich nicht ungeduldig. Im Gegenteil, es hatte etwas Zeremonielles. Um acht oder neun Uhr morgens würde ich mich auf die Suche nach meinem Schatz machen.

In jenen Tagen war der Kauf von El Tiempo aus Bogotá für mich viel mehr als nur der Kauf einer Zeitung. Es war die Vollziehung eines Ritus. Ich erwartete sie mit der gleichen Sehnsucht, mit der andere das Sonntagsessen oder den Besuch eines Verwandten erwarteten. Da waren das Magazin, die Literaturseiten, die großen Reportagen und dieses wunderbare Gefühl, dass beim Aufschlagen die ganze Welt zwischen die Hände passte.

Ich ging zu Fuß durch die Gegend der alten Verkehrsbehörde, nahe des SENA an der Avenida Pedro de Heredia. Cartagena begann dann gerade zu erwachen. Einige Händler öffneten die Rollläden ihrer Geschäfte, und die Straßen bewahrten noch jene Ruhe, die heute einer anderen Stadt anzugehören scheint. Ich ging mit einer Art vorauseilendem Glück dahin und dachte an das, was ich auf jenen Seiten finden würde.

Und dann geschah das Wunder.

Ich kehrte nach Hause zurück und atmete den Geruch der Tinte ein. Ja, den Geruch der Tinte. Diesen Geruch, den heute vielleicht niemand mehr vermisst, weil ihn fast niemand mehr kennt. Für mich war er Teil der Zeitung, genau wie die Buchstaben, die Fotografien und die Nachrichten. Diese Seiten aufzuschlagen war wie das Öffnen eines Fensters zu einer unbekannten Welt.

Es erwartete mich der Genuss des Sonntagsmagazins von El Espectador, die Chroniken, die Sonderberichterstatter, die berühmte «Chiva» – der Exklusivbericht –, die Nachrichten über den neuesten Pulitzer-Preis und die Kolumnen von Männern, die den Journalismus in eine Form von Literatur verwandelt hatten. Da waren die Kolumnen von Juan Gossaín und D’Artagnan und jene Fernseh- und Zeitungsberichte von Ernesto McCausland, die fähig waren, eine alltägliche Geschichte in eine Erzählung zu verwandeln, die man las, als wäre sie ein Märchen.

Im Portal de los Dulces tauchten einige Zeitungsverkäufer auf, die die Blätter anpriesen und die «Chiva» des Tages ausriefen. Jene Männer schienen zu wissen, dass sie nicht einfach nur Papier verkauften. Sie verkauften Neugier. Sie verkauften Staunen. Sie verkauften die Möglichkeit zu erfahren, was in Kolumbien und der Welt geschah, während man einen Kaffee oder eine Coca-Cola trank.

Ich konnte Stunden mit der auf dem Tisch ausgebreiteten Zeitung verbringen. Sie war eine Gesellschaft. Man las sie ohne Eile, kehrte zu einer Seite zurück, knickte eine Ecke um, unterstrich einen Satz und kam später auf jene Nachricht zurück, die einem im Kopf herumgeisterte. Der Sonntag hatte einen anderen Rhythmus, weil auch die Zeitung einen anderen Rhythmus hatte.

Mit der Zeit begann diese Zeremonie zu verschwinden. Die Unmittelbarkeit nahm im Newsroom Platz und vertrieb schließlich die Literatur. Die Nachricht wartete nicht mehr auf die Zeitung des nächsten Tages. Jetzt kommt sie vor uns an, sie rast durch das Telefon, erscheint auf einem Bildschirm und verschwindet wenige Minuten später, um durch eine andere ersetzt zu werden. Die journalistische Prosa, jene, die man mit dem Körper einatmete, wich einer etikettierten Prosa – schnell, dringend, darauf ausgelegt, konsumiert und vergessen zu werden.

Auch viele gedruckte Zeitungen verschwanden. Und mit ihnen entstand eine stille Trauer unter jenen von uns, die einer Generation angehören, die gelernt hat, sich durch das Umblättern von Seiten zu informieren.

Doch die Geschichte hat ihre Ironien. Während wir den Geruch der Tinte verloren, gewann Mutter Erde ein wenig Atemruhe. Es wurden nicht mehr unzählige Bäume gefällt, um sie in Tonnen von Papier zu verwandeln. Die Technologie, die uns jene Zeremonie stahl, gewährte auch den Wäldern eine kleine Atempause.

Manchmal denke ich, dass ich nicht nur die Zeitungen vermisse. Ich vermisse den Mann, der ich war, während ich sie las. Jenen Jungen, der um vier Uhr morgens aufwachte, um auf einen Sonntag zu warten, der noch gar nicht begonnen hatte.

Und vielleicht ist es das, was wirklich verschwunden ist: nicht die Zeitung, sondern unsere Art, auf die Welt zu warten.

**Lade uns auf einen Kaffee ein und hilf uns, die Flamme der Literatur brennend zu halten. Deine Unterstützung ermöglicht es uns, weiterhin Geschichten, Poesie und Kultur zu unseren Lesern zu bringen.

https://ko-fi.com/gilgarmer


Abonniere "Purasletras25", um Updates direkt in deinem Posteingang zu erhalten
Gilberto Garcia Mercado

Abonniere Gilberto Garcia Mercado, um zu reagieren

Abonnieren

Kommentare

Noch keine Kommentare. Sei der Erste, der kommentiert!

Abonniere Purasletras25, um Updates direkt in deinem Posteingang zu erhalten